Über Capoeira

Was ist Capoeira?

Capoeira ist ein brasilianischer Kampftanz, dessen Ursprung auf den afrikanischen NíGolo („Zebratanz“) zurückgeführt wird. Capoeira wurde während der Kolonialzeit in Brasilien von aus Afrika eingeschifften Sklaven praktiziert und weiterentwickelt. Es wird heutzutage zwischen zwei Hauptrichtungen unterschieden: Dem „alten“ Capoeira Angola und dem „modernen“ Capoeira Regional. Die afrikanischen Elemente verschmolzen im Capoeira Regional im Laufe der Jahre zusätzlich mit Einflüssen anderer Kampfkünste wie z. B. Ringen, Jiu Jitsu und Wushu. Zu dieser Zeit (ca. 1970er Jahre) entwickelten sich auch viele der heute charakteristischen Akrobatiken, wie hohe, gedrehte Sprünge oder Salti; auch wenn viele der bodennahen Akrobatiken zumindest in der Tendenz bereits vorhanden waren.

Inhaltlich ist Capoeira von drei Ebenen geprägt: dem Kampf, der Musik und der „Roda“ (portugiesisch „Kreis“) als gesellschaftlichem Rahmen, in dem der Kampf stattfindet. Die Kampftechniken selbst zeichnen sich durch extreme Flexibilität aus; es gibt viele Drehtritte, eingesprungene Tritte und Akrobatik. Traditionell wird zu den Kämpfen Musik gespielt, diese folgt einem Endlos-Rhythmus in verschiedenen Variationen; dazu werden passende, häufig noch aus der Zeit der Sklaverei stammende Lieder gesungen.

Die Kämpfe finden immer in einer Roda statt. Diese Roda besteht aus einem Kreis von Capoeiristas und den Musikern. Immer zwei Capoeiristas kämpfen in der Roda, wobei in der Capoeira für einen Kampf der Begriff „Spiel“ verwendet wird. Eine Roda ist besonders beeinflusst von der archaischen Wucht, die der Capoeira innewohnt.

Geschichtlicher Hintergrund

Belegt ist die Existenz der Capoeira seit dem 18. Jahrhundert. Die Literatur geht davon aus, dass sie in Brasilien aus einer Vermischung verschiedenster afrikanischer Tänze und Kulte entstand. Auch in anderen Regionen, in welche afrikanische Sklaven verschleppt wurden, entstanden der Capoeira ähnliche Kampfkünste, wie dem Maní auf Kuba.

Vorläufer der Capoeira waren diverse Kampfspiele und Tänze der afrikanischen und indigenen Kultur. Zu nennen wären hierbei vor allem Batuque, Luta do Bode, Bate coxa, Bassula, Kamangula, NíGolo und das indianische Quarupe.

Um die Kämpfe zwischen Sklaven und Sklavenhaltern in den Quilombos ranken sich Legenden – so wird von den Quilombos gesagt, dass sich dort die Capoeira stark weiterentwickelte und dass die Sklaven sie auch im Kampf gegen die mit Schusswaffen bewaffneten Sklavenjäger eingesetzt hätten.

Die nächste Entwicklungsphase der Capoeira ist dann auch die erste, bei der sich die Experten über Entstehung und Anwendung einig sind. Die damalige Capoeira ist allerdings nicht mit der heutigen vergleichbar, sondern vielmehr als eine Art Straßenkampftechnik zu begreifen. Capoeiristas taten sich in Banden zusammen, den Maltas, und beherrschten ganze Straßenviertel. Dabei kämpften sie gegen rivalisierende Maltas und die Obrigkeitskräfte. Diese Form der Capoeira war besonders in den Hafenstädten Rio de Janeiro, Recife und Salvador da Bahia verbreitet, die auch gemeinhin als die Brutstätten der Capoeira angesehen werden. Die Capoeira ist dementsprechend eine urbane Erscheinung.

In der Kaiserzeit war die Capoeira zwar nicht explizit verboten, die Capoeiristas wurden dennoch verfolgt und beispielsweise wegen Störung der öffentlichen Ordnung verhaftet. Zwischen 1865 und 1870 wurden viele Capoeiristas für den Krieg gegen Paraguay zwangsrekrutiert. Einerseits sollten Banden aufgelöst werden, andererseits wurden entlaufene Sklaven vor die Wahl gestellt, entweder dem Vaterland zu dienen oder zu sterben. Sie gingen als die „Voluntários da Pátria“ in die Geschichte ein.

In der Republik ab 1889 gab es schließlich einen Capoeira-Paragrafen, der die Ausübung der Capoeira mit Verbannung von sechs Monaten bis zwei Jahren bestrafte. Einer der Gründe für diese Behandlung liegt darin, dass die Capoeiristas als Monarchisten angesehen wurden, die sich aus Dankbarkeit für die Befreiung der Sklaven der Krone verpflichtet fühlten. Die Capoeira wurde in dieser Zeit stark in den Untergrund gedrängt und nur noch in Rio de Janeiro, Recife und Salvador da Bahia praktiziert.

Das Capoeira-Verbot wurde 1937 durch den nationalistischen Diktator Getúlio Vargas aufgehoben, der mit der Capoeira einen nationalen Sport etablieren wollte. Auf diese Idee kam er, nachdem er eine Vorführung von Mestre Bimba sah. Bimba wollte aus Elementen der Straßenkampftechnik Capoeira eine moderne Kampfkunst formen, welche er Luta Regional Baiana nannte. In dieser Form der Capoeira integrierte er Elemente des Batuque und asiatischer Kampfsportarten, um die Effizienz dieser Kampfsportart zu erhöhen. Er unterrichtete sie (noch während des Verbots) an seiner Akademie in der bahianischen Hauptstadt Salvador da Bahia – das Verbot war der Hauptgrund dafür, weshalb seine Schule nicht „Capoeira“ im Namen führte. Bimba ersann zum ersten Mal eine systematische Methode, Capoeira zu vermitteln; vorher wurden die Techniken durch Nachahmen erlernt.

Auch heute noch wird die Capoeira hauptsächlich in zwei Formen aufgeteilt: Capoeira Regional und Capoeira Angola. Aktuell ist allerdings ein Trend des sich gegenseitigen Annäherns zu spüren. Dieser Trend wird vor allem durch Mestre Camisa und Mestre João Grande getragen und gerne als Capoeira Contemporânea bezeichnet.

Auszug aus Wikipedia.

 

Rezensionen zu Capoeira

Bira Almeida: Capoeira – A Brazilian Art Form (engl.), North Atlantic Books ISBN 0938190296

Bira Almeida, besser bekannt als Mestre Acordeon, trainierte bei Mestre Bimba bevor er in die Vereinigten Staaten ging. In San Francisco betreibt er die Capoeira-Schule United Capoeira Association, die mittlerweile Dependenzen in ganz Amerika unterhält. Von seinen amerikanischen Schülern wiederholt nach Literatur gefragt, begann er, das Wichtigste über Capoeira in Englisch aufzuschreiben. So entstand eines der ersten Bücher über Capoeira, das auch in Europa erhältlich war. Die Geschichte der Capoeira sowie das Zusammenspiel von Musik und Capoeira werden ausführlich behandelt. Mestre Acordeons anekdotenreicher Stil ist eingängig und seine fundierte Kenntnis, gespeist aus umfangreicher Lektüre und Ausbildung unter einem der bedeutendsten Capoeira-Meister, machen das Buch zu einem Muss für jeden Capoeira-Interessierten.

J. Lowell Lewis: Ring of Liberation : Deceptive Discourse in Brazilian Capoeira (engl.), University of Chicago Press ISBN 0226476839

Das zweite englischsprachige Buch, Ring of Liberation, von dem US-amerikanischen Anthropologen James Lowell Lewis ist im Vergleich zu Bira Almeidas Buch wissenschaftlich verfasst. Lewis behandelt ebenfalls die Geschichte, geht aber stärker auf die Rituale der Capoeira ein. Beispielsweise erklärt er, wie eine Roda abläuft und worauf es im Spiel ankommt. Aus der Perspektive des wissenschaftlichen Beobachters berichtet über eine Roda, in die er selbst eingreift. Diese Methode ist problematisch. Einerseits ist es für einen Praktizierenden leichter, die Rituale zu durchschauen und zu Capoeira-Meistern Kontakt aufzunehmen, während Außenstehende ausgeschlossen bleiben. Andererseits leidet die Objektivität der Darstellung. Lewis macht aus seiner Vorliebe zur Capoeira Angola keinen Hehl. Besonders wegen seiner Beschreibungen des Spiels und der Rituale, die für Außenstehende und Anfänger schwer verstehbar sind, ist das Buch empfehlenswert.

Dirk Hegmanns: Capoeira – Die Kultur des Widerstandes, Schmetterling Verlag ISBN 3-926369-92-2

Dirk Hegmanns schreibt in Capoeira – Die Kultur des Widerstandes als Soziologe über sein Hobby Capoeira. Er schreibt betont salopp. Über lange Strecken wirkt es daher wie ein „Sponti“-Buch. Wenn er beispielsweise beschreibt, wie er sich „magisch von Capoeiraklängen angezogen fühlt“, die er in Brasilien auf der Straße aufschnappt. Leider achtet Hegmanns bei brasilianischen Begriffen nicht die Schreibweise. Batizado beispielsweise, die Capoeira-Taufe, schreibt er mit einem „s“. Darüber hinaus hält er an überholten Mythen fest wie der Existenz der Capoeira im Quilombo dos Palmares, die nicht belegt ist. Bei dem Versuch, Capoeira als Ausdruck des Widerstandes der schwarzen Unterschicht hoch zu stilisieren, zeigt sich die einseitige afrozentristische Sichtweise des Autors. Capoeirista haben in der Vergangenheit auch Unschuldige angegriffen und sich heftige Straßenkämpfe untereinander geliefert. Der ausführliche Musikteil, der übersetzte Liedtexte beinhaltet und Notationen der gängigen Toques wiedergibt, ist besonders für Leute geeignet, die nicht Portugiesisch sprechen. Die Abbildungen von Capoeira-Bewegungen im hinteren Teil des Buches kann man allerdings als netten, aber misslungenen Versuch abhaken.

Piero Onori: Sprechende Koerper, Edition diá., St.Gallen, Köln, ISBN 3-905482-33-9

Sprechende Körper von Piero Onori ist leider vergriffen und nur noch im Antiquariat oder in Bibliotheken zu haben. Inhaltlich bietet Onori nichts Neues. Allerdings sind die zahlreichen Farbfotos von Capoeirista aus Salvador da Bahia beeindruckend.

Nestor Capoeira: Capoeira – Kampfkunst und Tanz aus Brasilien, Weinmann-Verlag ISBN 387892068-7

Capoeira – Kampfkunst und Tanz aus Brasilien von Nestor Capoeira ist das zweite hier vorgestellte Buch von einem Capoeira Meister. Die Erstausgabe erschien 1981 als erster Teil einer Trilogie, das jedoch erst 1999 auf Deutsch erschien. Nach einigen Auslandsaufenthalten sah Nestor die Notwendigkeit, neben dem praktischen Unterricht Capoeira auch theoretisch zu vermitteln. Das Buch beginnt ebenfalls mit der Geschichte, leitet über in einen Musikteil und endet mit einem praktischen Teil. Die Bewegungen werden zeichnerisch dargestellt. Diese Lehrstücke können allerdings nur begleitend zu einem Capoeira-Unterricht verwendet werden. Die Verletzungsgefahr beim Selbsttraining ist sehr hoch und letztlich lebt die Capoeira von dem Zusammenspiel mit anderen. Grundsätzlich ist dieses Buch dem von Hegmanns vorzuziehen, da hier ein Capoeira-Mestre spricht. Ein dickes Minus gibt es allerdings für die Übersetzung: Unverständliches wie „Meidbewegungen“ findet sich neben Falschem. Das Wort „Malagradagem“ mag sich exotisch anhören, existiert aber nicht. Gemeint ist hier wohl Malandragem. Aus der Trilogie ist nur die Fundamentos da Malicia empfehlenswert. Es ist der letzte Band und speziell für Geschichtsinterssierte empfehlenswert, jedoch nur auf Portugiesisch erschienen.

Tiago de Oliveira Pinto: Capoeira, Samba, Candomble. Afro-Brasilianische Musik im Recôncavo, Bahia, Dietrich Reimer, Berlin 1991, 264 S., ISBN 3-496-00497-5

Capoeira, Samba, Candomble. Afro-Brasilianische Musik im Recôncavo, Bahia handelt es sich hierbei nicht explizit um ein Capoeira-Buch. Dennoch ist es eine erwähnenswerte Ergänzung zu den bereits vorgestellten Bänden. Das Material hat der Autor in ausgiebigen Feldstudien im so genannten Reconcavo, dem Hinterland Salvadors, gesammelt. Außergewöhnlich ist die Beschreibung des Maculéles, eines traditionellen Stocktanzes, der meist zusammen mit Capoeira aufgeführt wird. Im Capoeira-Teil wird der aktuelle Stand der Historiographie wiedergegeben und berücksichtigt speziell die bahianische Entwicklung der Capoeira, mit dem stärkeren Bezug zum Candomblé und der Entwicklung der ländlichen Capoeira. Der Musikteil ist sehr ausführlich und auf ethnologischem Hintergrund. Unter anderem findet man dort auch Bauanleitungen zu den gängigen Capoeira- Instrumenten Berimbau und Caxixí, dem Musikbogen und der dazugehörigen Rassel.

Die vorgestellten Bücher sind nur eine kleine Auswahl der vorhandenen Capoeira Literatur, der überwiegende Teil ist allerdings auf Portugiesisch. Die Bibliographie Bibliografia Critica da Capoeira von Mestre Itapoan (Raimundo C.A. de Almeida) listet 2.342 Schriften auf und kann unter folgender Adresse bestellt werden: PROGRAMA NACIONAL DE CAPOEIRA, Projeto Capoeira Arte & Oficio, Centro de Informação e Documentação sobre a Capoeira – CIDOCA/DF, Caixa Postal 09760 – Ag. Central, 70.001-970 – Brasilia, DF, Brazil

Wer des Portugiesischen mächtig ist und ein wenig Geduld mitbringt, sollte sich an die „Bibel der Capoeira“ rantrauen, der sozi-ethnografischen Studie Capoeira Angola von Waldeloir Rego aus dem Jahre 1968. Auf mehr als 400 Seiten lässt der Autor praktisch keinen Aspekt der Capoeira aus. Die Lektüre ist allerdings nur für profunde Kenner der portugiesischen Sprache empfehlenswert. Der Fußnotenapparat erreicht teilweise enorme Ausmaße. Außerdem soll es nur 1.000 Exemplare dieses Werkes geben. Als Capoeira-aficionado kommt man aber an diesem Standardwerk nicht vorbei.